Anfänger Fehler bei der Selbstverteidigung

selbstverteidigung-selbst-lernen-anfaenger-fehler

Anfänger-Fehler bei der Selbstverteidigung

Wenn man plötzlich einem Angreifer gegenüber steht, passiert alles gleichzeitig. Für die meisten modernen Menschen ist das eine völlig ungewohnte Situation. Adrenalin, Stress, Angst – unter diesen Bedingungen alles richtig zu machen, ist nicht leicht. Nicht nur Anfängern fällt es schwer, eine Selbstverteidigung-Situation in den Griff zu bekommen. Auch Profis machen unter dem Druck der Realität immer wieder die gleichen Fehler. Wer diese Fehler zu kennt und vermeidet, erhöht seine Überlebenschancen im Ernstfall ganz erheblich. Dieser Artikel erklärt diese Fehler im Detail und hilft gleichzeitig dabei, die Taktiken von Gewalttätern besser zu verstehen und ihr Verhalten vorhersagbar zu machen.

 

Selbstverteidigungs-Fehler Nr. 1: Unaufmerksamkeit

Will man sich vor Gewalt schützen, dann ist konstante Aufmerksamkeit eine Grundvoraussetzung. Unaufmerksame Menschen werden am schnellsten Opfer von Gewaltverbrechern. Wer im öffentlichen Raum Unaufmerksamkeit ausstrahlt, gerät ganz automatisch in das Beuteschema der Raubtiere des urbanen Dschungels.

Dabei muss der Jäger die „Beute“ nicht einmal ablenken, dafür sorgt sie selbst. Der ständige Blick auf das Smartphone, die Ohrenstöpsel in den Ohren, Alkohol und Drogen – alles was die eigenen Sinne behindert, sabotiert auch die eigene Aufmerksamkeit.

Ob Schläger, Räuber oder Vergewaltiger – sie alle nutzen die Unaufmerksamkeit ihrer Ziele taktisch aus. Wer seine eigene Unaufmerksamkeit noch fördert, macht es den, meist sehr aufmerksamen, Tätern sehr leicht. Aufmerksamkeit ist also unbedingt notwendig. Vor, während und nach einer Konfrontation.

 

Selbstverteidigungs-Fehler-Nr-1-Unaufmerksamkeit-vor-einer-Konfrontation

Unaufmerksamkeit raubt dir taktische Möglichkeiten

Ist man vor dem Kontakt mit einem Angreifer unaufmerksam, führt das automatisch zu einem taktischen Nachteil:

Je später man eine mögliche Gefahr bemerkt, desto weniger taktische Möglichkeiten bleiben, um sich zu schützen

Unaufmerksamkeit führt immer dazu, dass man zu spät reagiert. Man nimmt den Angreifer erst wahr, wenn der Angriff unmittelbar bevor steht oder sogar bereits begonnen hat.

Bei einem plötzlichen Angriff bleiben dann nur noch Schadensbegrenzung und sofortige Gegenwehr als Taktik. Diese Taktik ist, im Vergleich zum frühzeitigen, präventiven Rückzug, immer mit hohen Risiken verbunden.

Selbstverteidigungs-Fehler-Nr-1-Unaufmerksamkeit-vor-einer-Konfrontation-2

Oft bleibt nicht einmal die Möglichkeit sich zu schützen. Schlägt ein Angreifer ohne Vorzeichen zu, so wie es ein erfahrener Angreifer immer tun wird, bleibt einem oft nicht einmal mehr die Möglichkeit von Schutz und Gegenwehr.

Nach dem ersten Schlag eines Profis liegt man häufig bereits bewusstlos, verletzt und verteidigungsunfähig am Boden, ohne überhaupt mitbekommen zu haben, was passiert ist.

Das kommt in der Realität öfter vor, als man denkt, denn für den Täter ist diese Situation ideal: es ist keine Gegenwehr zu erwarten. Ist das Opfer kampfunfähig, lasst es sich ohne Risiko rauben, Vergewaltigen oder „Kopftreten“. Das ist der Preis der eigenen Unaufmerksamkeit.

 

Selbstverteidigung-Aufmerksamketi-vor-einer-Konfrontation-mehr-Handlungsoptionen-1

Aufmerksamkeit schafft dir mehr Handlungsoptionen

Wer aufmerksam ist, kann Konflikten früh genug ausweichen. Meist funktioniert das sehr gut und es sollte immer versucht werden. Es ist die sicherste Selbstschutz-Strategie.

Aufmerksamkeit vor einer Konfrontation hilft um unnötige Gewalt zu vermeiden. 

Klappt das nicht, bleibt immer noch auch die Möglichkeit, den Übergriff früh genug präventiv zu vereiteln.

 Aufmerksamkeit vor einer Konfrontation ermöglicht, aus mehren taktische Optionen die beste auszuwählen:

  • erst gar nicht als potentielles Ziel ausgewählt werden
  • früh genug die Intention des Angreifers zu bemerken
  • den Angreifer zu verunsichern
  • sich früh genug unbemerkt zurückziehen
  • einen zeitlichen Vorsprung bei der Flucht zu verschaffen
  • sich früh genug Hilfe holen
  • selbst zuerst anzugreifen

Selbstverteidigungs-Tipp: Beim Umgang mit Fremden, besonders an kritischen Orten, ist konstante Aufmerksamkeit Pflicht. Die Umwelt bewusst wahrzunehmen und sich der Menschen, die um einen herum sind bewusst zu sein, ist keine Paranoia. Es ist essentiell für einen funktionierenden Selbstschutz .

 

Selbstverteidigung-Unaufmerksamkeit-waehrend-der-verbalen-Konfrontation-1

Unaufmerksamkeit während der verbalen Phase

Das Unaufmerksamkeit im direkten Kontakt mit einem möglichen Aggressor ein unentschuldbarer Fehler ist, liegt auf der Hand. Ganz egal, ob die Konfrontation noch verbal oder bereits körperlich ist.

Der eigene Fokus der Aufmerksamkeit, wird sehr häufig auf unwichtige oder nebensächliche Dinge gelenkt, die mit den wirklichen Gefahren der Situation wenig zu tun haben. Einige dieser Dinge werden oft mehr oder weniger bewusst als taktisches Mittel eingesetzt. Sie lenken  so stark ab, das der eigentliche Angriff zu spät bemerkt wird:

  • Gepöbel
  • verwirrende Fragen
  • verwirrendes Verhalten („Antanzen“, „Spässchen“)
  • Deuten und ständig bewegte Hände
  • Ungefragtes Anfassen
  • Herumschubsen
  • Umschleichen
  • Drohende Posen
  • mehrere, gleichzeitig agierende Personen (oft mit verschiedenen „Rollen“)

Meist werden mehrere dieser ablenkenden Dinge gleichzeitig und in hohem Tempo eingesetzt, um die Sinne zu überlasten und damit die Aufmerksamkeit zu stören.

Im direkten Kontakt mit einem Fremden ist es nicht leicht, konstant aufmerksam zu sein.

 

Selbstverteidigung-Unaufmerksamkeit-während-der-Konfrontation-1

Vorsicht bei Fragen!

Oft stellt der Angreifer zusätzlich zur körperlichen Ablenkung, eine Frage, auf die man reflexhaft antworten will. Der Angreifer will, das Gehirn seines Opfers zusätzlich mit Nachdenken und Antworten beschäftigen.

Sehr häufig fällt so eine taktische Frage aggressiv und provokant, im Stile von „was guckst du?“, „Suchst du Stress oder was?“ aus. Solche Fragen verunsichern und treiben in die Defensive. Beides ist beabsichtigt. Es senkt die Aufmerksamkeit.

Oft wird aber auch eine auf den ersten Blick sinnvoll erscheinende Frage eingesetzt. Das kann die Frage nach dem Weg, nach einer Zigarette, Feuer oder ähnlichem sein. Viele Angreifer verhalten sich dabei gespielt freundlich.

Sie tun das aus drei taktischen Gründen:

  • um auf unauffällige Weise nah an ihr Ziel heran zu kommen (Ziel in die Schlagdistanz bringen)
  • um die Wahrscheinlichkeit der Gegenwehr des Ziels einzuschätzen (Ziel testen)
  • um die gespielte Freundlichkeit zur Ablenkung des Ziels zu nutzen (Ziel Vorbereiten)

Selbstverteidigung-Unaufmerksamkeit-während-der-Konfrontation-2Bei freundlichen Fremden ist man schnell geneigt, Bedenken aufzugeben und die eigene Deckung fallen zu lassen. Man wechselt mental auf die Sachebene. Man will vorurteilsfrei, rational, höflich und hilfsbereit erscheinen.

Diesen Verhaltens-Mechanismus nutzen erfahrene Angreifer ganz bewusst aus.

Ist der Geist auf der Sachebene, wird  z.B. der Weg erklärt oder das Feuerzeug gesucht, dann ist die schützende Aufmerksamkeit dahin, wenn man sie nicht ganz bewusst aufrecht erhält.

Selbstverteidigung-Unaufmerksamkeit-während-der-Konfrontation-3Hat man sich auf das Spiel des Angreifers eingelassen, ist es meist schon zu spät. Man bemerkt die Angriffsvorbereitungen nicht. Der Angriff erfolgt (vermeintlich) aus dem Nichts.

Kennt man das Spiel, hätten Aufmerksamkeit und Abstandskontrolle den Angriff früh genug vereiteln oder zumindest abschwächen können.

Am Tiefpunkt Aufmerksamkeit fällt der erste Schlag des Angreifers!

Selbstverteidigungs-Tipp: Am Besten lässt man sich in (noch)verbalen Konfrontationen nicht auf Fragen oder Provokationen ein. Man konzentriert sich allein auf die Wahrnehmung der Bewegungen des Gegenübers. Dabei ist besonders wichtig, auf die Hände zu achten. Verschwinden die Hände in den Taschen oder nimmt man eine auffällige Änderung der Positionierung wahr, ist es Zeit für den Präventiv-Angriff.

 

Selbstverteidigung-Unaufmerksamkeit-waehrend-der-koerperlichen-Konfrontation-1

 Unaufmerksamkeit während der körperlichen Auseinandersetzung

Ist bereits ein körperliches Gemenge im Gange, wird ein schnell gezogenes Messer oder die auftauchende Verstärkung des Angreifers wahrscheinlich nicht bemerkt.

Der Tunnelblick, zu viele gleichzeitige Reize und die Schnelligkeit, der sich ständig verändernden Kampfsituation, überfordern die eigene Aufmerksamkeit.

Präzise Aufmerksamkeit ist im Chaos des eines Kampfes gehirnphysiologisch nicht möglich!

 

 

Selbstverteidigungs-Fehler Nr. 2: Unterschätzen

In einer Selbstverteidigungs-Situation kann man drei Dinge leicht unterschätzen:

  • Die Gefährlichkeit der Situation
  • Die „kriminelle Energie“ von Fremden
  • Die Kampfstärke von Fremden

Die Gefährlichkeit der Situation zu unterschätzen, ist ein häufiger Fehler. Oft genug gibt es genug Indikatoren, die darauf hinweisen, dass in einer bestimmten Situation etwas nicht stimmt, etwas nicht mit rechten Dingen zu geht:

  • Seltsames Verhalten (herumlungern)
  • Deplatzierte wirkende Personen (Kleidung, Eindruck)
  • Auffällige (oder betont unauffällige) Körpersprache (Nervosität oder betonte Lässigkeit)
  • Personen die augenscheinlich als Team arbeiten (versteckte Kommunikation)
  • Schlecht versteckte Waffen (Abdruck an der Kleidung)
  • Plötzliche Menscheneleere (Verschwindende „Zeugen“)

Diese Dinge sind auch aus der Distanz zu bemerken. Oft sogar noch bevor man selbst als mögliches Ziel wahrgenommen worden ist. Fallen einem solche Dinge auf, wäre es fahrlässig die Situation zu unterschätzen und weiter zu machen wie bisher. Oft verfügt man in solchen Situationen über einen sechsten Sinn, auf den man unbedingt hören sollte.

Die kriminelle Energie von Personen wird oft auf gefährliche Weise unterschätzt. Die meisten Menschen haben ein Bild davon im Kopf, wie ein Schläger, Räuber oder Vergewaltiger auszusehen hat. Oft ist an diesem Bild ein Wahres. Diese Bilder sind kein Vorurteil, sondern sie dienen biologisch dazu, Gefahren schnell zu erkennen und eingruppieren zu können.

Meist sind diese Bilder aber nicht präzise genug. Wichtige Warnzeichen werden wegen fehlender Erfahrung nicht berücksichtigt. Das führt dazu, das Personen, die nicht in das einfache Raster passen, automatisch als harmlos eingeschätzt werden, also in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt werden.

Allein aufgrund des Äußeren eine Schlussfolgerung zu ziehen ist riskant. Es gibt kleine, schmächtige Menschen, die eine enorme Angriffsstärke entwickeln können, es gibt schwere Menschen die sich erstaunlich schnell und leichtfüssig bewegen können. Ein unsportlicher Teenager mit einem versteckten Messer ist ein gefährlicher Gegner als ein trainierte Boxer. Es gibt Psychopathen im Anzug, genauso wie Jogginganzug-Täger mit Bierflasche, sich aber bei genauerem Hinsehen als völlig unaggressiv und kämpferisch wenig tauglich erweisen.

Die simple Formel „Wer wie ein Krimineller aussieht, ist auch ein Krimineller“ ist problematisch. Besser ist es der Ansatz: „Wer sich im Vorfeld wie Krimineller verhält, ist wahrscheinlich ein Krimineller, egal wie er aussieht“.

Selbstverteidigungs-Tipp:  Die eigene Wachsamkeit zu senken, nur weil jemand keine bedrohliche Ausstrahlung vermittelt, ist ein grober Anfängerfehler. Unterschätze nie die mentale und körperliche Kampfstärke oder die kriminelle Energie von Menschen, die du nicht kennst. Jeder Fremde, der sich durch sein Verhalten als möglicher Angreifer präsentiert, muss als potentiell gefährlich eingeschätzt werden.

 

 

Selbstverteidigungs-Fehler Nr. 3: Zu wenig Abstand

Selbstverteidigungs-Fehler-Nr-3-Zu-wenig-AbstandWeiter oben haben wir gesagt, das ein Angreifer zwangläufig in die Schlagdistanz kommen muss, um seinen Angriff beginnen zu können.

Steht man aber ausserhalb der Schlagdistanz, kann man von einem Schlag nicht getroffen werden. Es bleibt dann auch mehr Zeit zum reagieren, da der Aggressor den Sicherheitsabstand erst überwinden muss um angreifen zu können.

Weiss man dies, ist es recht leicht sich durch das aktive Abstandskontrolle einen taktischen Vorteil in einer beginnenden Selbstverteidigungs-Situation zu schaffen.

Beim Vorspiel einer Konfrontation geben in körperlicher Gewalt Unerfahrene, immer wieder das gleiche Bild ab. Sie stehen wie gelähmt und mit hängenden Armen am selben Fleck, während der Aggressor in Bewegung ist und aktiv den Abstand bestimmt, bis er in der Schlagdistanz verweilt. Eine Angriff kann so nicht mehr früh genug vorhergesehen werden. Die Reaktion auf den Angriff dauert zu lange.

In der Schlagdistanz ist der Blick auf die Hände des Aggressors verwehrt.

Ein schneller, gerader Schlag ist innerhalb der Schlagdistanz nicht zu „blocken“ oder sonst wie abzuwehren.

Ist der Abstand sehr gering,  beginnt ein Angriff auch häufig auch mit einem Kniestoß in den Unterleib oder mit einem Kopfstoss.  Der Angriff ist nicht abwehrbar. Physik und Biologie sind hier recht eindeutig. Alles andere sind Kampfkunst-Märchen.

Wer in der Schlagdistanz steht, kassiert den ersten Schlag des Angreifers so gut wie ungeschützt. 

Wer den Abstand zum Angreifer nicht kontrolliert, beweist ihm damit zusätzlich, dass er ahnungslos, naiv und unerfahren ist.  Mit dem ungefragten Eindringen in den persönlichen Raum und mit ungefragten Anfassen, testet der professioneller Angreifer die zu erwartende Gegenwehr, bzw behindert sie.

Oft funktioniert es, einen potentiellen Angreifer mit aktiver Abstandskontrolle von seinem Vorhaben abzubringen. Man zeigt mit der aktiven Abstandskontrolle, das man den Angreifer durchschaut hat und das man keine leichte Beute und zur Gegenwehr bereit ist. Vielen Angreifern ist dieses Risiko zu hoch.

Selbstverteidigungs-Tipp: Abstandskontrolle ist zu Beginn eines Konfliktes unerlässlich. Man lässt keine Fremden in die Schlagdistanz und man lässt sich nicht ungefragt berühren. Es macht Sinn, dem Gegenüber zusätzlich eindeutig verbal klar zu machen, Abstand zu halten. Hält er sich nicht daran, steht ein Angriff höchstwahrscheinlich unmittelbar bevor:  Es ist Zeit für den eigenen Präventiv-Angriff.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.